KI macht gute Entscheidungen nicht überflüssig. Sie macht sie besser.
Ich arbeite schon lange jeden Tag mit KI. Viel. Und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich damit jemals „fertig“ sein werde.
Vor einigen Wochen habe ich darüber geschrieben, dass ich nach langer und intensiver Zusammenarbeit mit ChatGPT angefangen hatte, auch mit Claude zu arbeiten. Damals fühlte sich das fast wie ein kleiner Systemwechsel an. Inzwischen hat sich daraus längst Alltag entwickelt.
Ich arbeite oft parallel: Claude nutze ich vor allem für die Dinge, die er aus meiner persönlichen Erfahrung besser kann. Sehr viel mehr Zeit verbringe ich weiterhin mit ChatGPT – und inzwischen finde ich genau diese Arbeitsteilung ziemlich selbstverständlich.
Was sich nicht eingestellt hat, ist das Gefühl: Jetzt weiß ich, wie KI funktioniert.
Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Neue Modelle, neue Funktionen, neue Tools, neue Möglichkeiten. Dinge, die gestern noch umständlich waren, funktionieren plötzlich erstaunlich gut. Andere, auf die man sich verlassen hat, verändern sich.
Und während man gerade glaubt, einen ziemlich guten Workflow gefunden zu haben, gibt es schon wieder drei neue Möglichkeiten, die man eigentlich ausprobieren müsste.
Ich habe irgendwann akzeptiert: Wirklich up to date werde ich wahrscheinlich nie sein. Aber das ist für mich kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.

Du kannst nicht alles über KI wissen. Aber du solltest lernen, immer besser mit ihr zu arbeiten.
Ich glaube, genau hier liegt eine der Herausforderungen, vor denen auch unabhängige Augenoptiker stehen.
Du musst nicht jedes neue KI-Tool kennen. Du musst nicht jeden Modellwechsel verfolgen und schon gar nicht jedem Hype hinterherlaufen. Aber du solltest verstehen, was sich gerade grundsätzlich verändert – und herausfinden, welche dieser Möglichkeiten für deinen eigenen Alltag relevant sind.
Denn KI ist nicht irgendeine technische Neuerung, bei der man erst einmal abwarten kann, ob sie sich durchsetzt. Sie ist längst da.
Und sie verändert gerade, wie wir Ideen entwickeln, Informationen verarbeiten, Texte schreiben, Entscheidungen vorbereiten, Konzepte überprüfen und Wissen verfügbar machen.
Das betrifft große Unternehmen genauso wie ein unabhängiges Optikgeschäft. Vielleicht sogar Letzteres ganz besonders.
Früher: Viele Leute, viel Zeit, viel Abstimmung. Heute: fünf Minuten – und du kannst ganz anders ins Gespräch starten.
Was früher mehrere Gesprächsrunden gebraucht oder die längst festgelegte Jahresplanung ausgebremst hätte, kann heute in fünf Minuten beginnen.
Wenn du vor einigen Jahren eine neue Marketingidee entwickeln wolltest, gab es dafür verschiedene Möglichkeiten.
All das kann auch heute noch sinnvoll sein. Aber heute sitzt zusätzlich jemand mit am Tisch, der immer Zeit hat.
Du kannst morgens um sieben eine erste Idee mit KI diskutieren, sie zehn Minuten später wieder verwerfen, drei andere Richtungen ausprobieren und am Nachmittag dort weitermachen, wo du aufgehört hast.
Du kannst Gegenargumente suchen lassen. Eine Idee aus der Perspektive deiner Kunden betrachten. Einen Text überprüfen. Alternativen entwickeln. Eine unstrukturierte Idee sortieren. Ein Konzept hinterfragen. Dich auf ein schwieriges Gespräch vorbereiten oder überlegen, welche Konsequenzen eine Entscheidung haben könnte.
Und das alles spontan, schnell und zu Kosten, die vor wenigen Jahren für eine solche Unterstützung vollkommen undenkbar gewesen wären.
Das Entscheidende daran ist für mich aber nicht, dass KI diese Dinge für dich erledigen kann. Sondern dass du sie mit ihr besser erledigen kannst.
KI ist nicht dein Guru. Sie ist ein Sparringspartner.
Dieser Satz beschreibt ziemlich genau, wie ich KI nutze. Denn ich frage KI fast nie: „Was soll ich jetzt tun?“ Viel interessanter finde ich Fragen wie:
Was übersehe ich? Wo ist mein Gedanke noch nicht schlüssig? Welche Gegenargumente gibt es? Welche andere Perspektive könnte sinnvoll sein? Was passiert, wenn ich meine Annahme einmal umdrehe?
Das ist die eigentliche Qualität dieser Zusammenarbeit. Ich möchte nicht, dass KI für mich denkt. Ich möchte mit ihrer Hilfe besser denken.
Denn KI kennt dein Geschäft nicht so wie du. Sie schließt nicht morgens die Ladentür auf. Sie kennt nicht die Kundin, die seit zwölf Jahren zu dir kommt. Sie erlebt nicht, wie dein Team miteinander arbeitet. Sie trägt nicht dein wirtschaftliches Risiko. Und sie muss am Ende auch nicht mit den Konsequenzen einer falschen Entscheidung leben.
Das musst du. Deshalb darf die Entscheidungsgewalt niemals vom Unternehmer auf die KI übergehen.
Eine gute Antwort ist noch lange keine gute Entscheidung.
Das ist vielleicht die größte Versuchung im Umgang mit KI: Sie formuliert häufig so überzeugend, dass eine Antwort schnell wie eine Gewissheit klingt.
Aber eine gut formulierte Antwort bleibt zunächst einmal genau das: eine Antwort.
Du musst beurteilen, ob sie zu deinem Geschäft passt. Ob die Voraussetzungen stimmen. Ob wichtige Informationen fehlen. Ob eine Empfehlung zu deinen Kunden, deiner Positionierung, deinem Team und deinen wirtschaftlichen Möglichkeiten passt.
Und manchmal musst du schlicht sagen: Nein. Das überzeugt mich nicht.
Ich widerspreche KI ständig.
Ich verwerfe Vorschläge, ändere Richtungen, gehe zurück, formuliere meine Gedanken neu und sage auch sehr deutlich, wenn mir ein Ergebnis nicht gefällt. Gerade dadurch wird die Zusammenarbeit besser. Immer noch, obwohl ich das schon seit Jahren so mache.
Wer dagegen jede plausibel klingende Antwort übernimmt, gibt etwas ab, das kein Unternehmer abgeben sollte: sein eigenes Urteil.
Je mehr du selbst weißt, desto mehr kannst du aus KI herausholen.
Klingt wie ein Widerspruch, dass ausgerechnet eine Technologie, die uns unglaublich viel Wissen verfügbar macht, besonders wertvoll wird, wenn wir selbst bereits etwas wissen. Je mehr, desto besser.
Meine Erfahrung aus 33 Jahren als Optik-Unternehmerin kann mir KI nicht ersetzen. Meine Kenntnis der Independent Eyewear Branche auch nicht. Ebenso wenig meine Vorstellung davon, wie ich True Eyewear positionieren möchte.
Ich bringe all dieses Wissen in die Zusammenarbeit ein. Oft wundere ich mich, dass ich wieder und wieder nachschärfen kann, obwohl wir doch schon so oft über ein Thema diskutiert haben. Ich kann einen Vorschlag beurteilen. Ich merke, wenn etwas nicht zur Branche passt. Ich kann nachhaken, korrigieren und eine andere Richtung verlangen.
Genau deshalb halte ich die Vorstellung für gefährlich, KI mache Fachwissen oder Erfahrung zunehmend überflüssig. Das Gegenteil ist richtig.
Je klarer du weißt, was du willst, je besser du dein Geschäft verstehst und je sicherer du in deiner Positionierung bist, desto besser kannst du dieses Werkzeug führen. Siehe auch Blogbeitrag „Positionierung ist kein Projekt, sondern eine Haltung“.
Für kleine Unternehmen ist das eine ziemlich große Chance.
Große Filialunternehmen hatten unabhängigen Optikern schon immer etwas voraus: Ressourcen. Menschen, die sich den ganzen Tag mit Marketing, Kommunikation, Analysen und Daten beschäftigen können – Dinge, für die im inhabergeführten Geschäft nach einem langen Tag schlicht keine Zeit mehr bleibt.
KI beseitigt diesen Unterschied nicht. Aber sie kann ihn an einigen Stellen deutlich kleiner machen.
Plötzlich kannst auch du innerhalb einer Stunde Ideen entwickeln, Varianten vergleichen, eine Kampagne vorbereiten oder einen Gedanken so lange durchspielen, bis daraus etwas wirklich Brauchbares entsteht.
Du kannst mit etwas Übung und Erfahrung eine echt hohe Qualität erreichen. Aber nicht, weil KI automatisch die besseren Ideen hat. Sondern weil du nachfragst, eine gegenteilige Erfahrung einbringst, Vergleiche anstellen lässt und dir viele Schleifen erlauben kannst, die bei einem Dienstleister viel Geld kosten würden.
Am Ende bekommt dein Dienstleister von dir ein ganz anderes Briefing – und ihr startet gemeinsam auf einer deutlich höheren Flughöhe. Das ist eine enorme Chance für unabhängige Augenoptiker.
Und wenn dir der Einstieg bisher zu unübersichtlich erscheint: Genau dabei kann ich dich unterstützen – pragmatisch, auf dein Geschäft bezogen und ohne dass du erst zum KI-Experten werden musst.
Nicht mitzumachen ist auch eine Entscheidung.
Natürlich kann jeder sagen: Das brauche ich nicht.
Man kann Entwicklungen ablehnen, ignorieren oder darauf hoffen, dass sie für das eigene Geschäft keine große Rolle spielen werden. Nur hält das die Entwicklung nicht auf.
Die Filialisten nutzen KI. Deine Lieferanten auch. Und die Agenturen? Sie bringen ohnehin viel mehr Erfahrung in Kreation und Marketingstrategie mit. Diese Erfahrung können sie jetzt zusätzlich mit KI verbinden – und viele tun das längst. Und auch immer mehr deiner Kollegen werden sie nutzen. Und einige von ihnen sind bereits sehr gut darin.
Damit verändert sich der Maßstab.
Was früher mit vertretbarem Aufwand nicht möglich war, wird selbstverständlich. Prozesse werden schneller. Gute Kommunikation wird günstiger. Wissen wird leichter zugänglich. Kleine Unternehmen können Dinge leisten, für die früher größere Strukturen notwendig waren.
Wer diese Möglichkeiten konsequent nutzt, wird nicht automatisch der bessere Unternehmer. Aber wer sie dauerhaft ignoriert, verzichtet auf Möglichkeiten, die seine Wettbewerber längst einsetzen. Und damit wird der Abstand größer. Zu den cleveren und schnellen Kollegen UND zu den Filialisten.
Die Verantwortung bleibt bei dir.
Meine Einstellung zu KI noch einmal zusammengefasst:
Ich möchte so viel wie möglich darüber lernen. Ich möchte ausprobieren, was neu entsteht. Ich möchte meine Arbeitsweise immer wieder verändern, wenn ich eine bessere Möglichkeit entdecke.
Und gleichzeitig möchte ich niemals vergessen, wer hier eigentlich wen unterstützt.
KI darf mich herausfordern. Sie darf widersprechen, sortieren, recherchieren, formulieren, Alternativen entwickeln und mir Fragen stellen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre.
Sie darf mir helfen, schneller zu werden. Und natürlich sehr gern auch besser.
Aber entscheiden muss am Ende immer noch ich.
Denn KI macht gute Entscheidungen nicht überflüssig. Aber sie kann dabei helfen, noch bessere zu treffen.

Karin Stehr ist strategische Beraterin für Positionierung in der Augenoptik und Expertin für Independent Eyewear.
Sie führte 33 Jahre lang ein eigenes Optikgeschäft, davon 17 Jahre ausschließlich mit Independent Brands. Heute berät sie unabhängige Optiker, sich durch ein unverwechselbares Konzept und die passende Brillenkollektion vom Mainstream abzuheben.
Sie ist Autorin einer mehrteiligen Fachartikelserie in der eyebizz, Speakerin auf Branchenevents und mit ihrer strategischen und gleichzeitig menschlich zugewandten Beratungsmethode einzigartig in der Augenoptik-Branche.
Sie bringt Struktur in Entscheidungen, die oft zu lange offen bleiben.
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