Dein Unternehmen funktioniert nur, wenn du permanent unter Strom stehst?
Das Problem gibt es nicht nur in der Augenoptik
Engagierte Einzel-Unternehmer geraten besonders leicht in einen Zustand permanenter Anspannung – ganz unabhängig von der Branche.
Vor ein paar Tagen hatte ich ein längeres Gespräch mit einer Beraterin, die mit Floristinnen arbeitet. Eigentlich ein völlig anderes Feld. Und doch haben wir nach wenigen Minuten gemerkt, wie ähnlich die Themen unserer Kunden sind.
Floristinnen haben – genau wie viele Optiker – einen handwerklichen Hintergrund. Sie arbeiten mit Anspruch, mit Kreativität und mit viel persönlicher Verantwortung. Gleichzeitig stehen sie permanent im Geschäft, springen zwischen Kunden, Organisation und Einkauf hin und her, kämpfen mit Fachkräftemangel, Öffnungszeiten und wirtschaftlichem Druck. Der Tag gehört selten ihnen selbst.
Typische Parallelen, die wir beide beobachten:
Und ganz ehrlich: Ich kenne das aus eigener Erfahrung.☺️
Gerade in meinen letzten Jahren als Inhaberin eines Optikgeschäfts haben mich die administrativen Auflagen enorm belastet. Die Einführung der DSGVO war für mich ein Wendepunkt. Nicht, weil wir vorher nachlässig gewesen wären – im Gegenteil. Der sorgfältige Umgang mit sensiblen Kundendaten war für mich selbstverständlich.
Aber plötzlich kamen Strukturen und Vorschriften von außen, die ich sehr ernst genommen habe. Vielleicht zu ernst. Ich wollte alles korrekt, vollständig und perfekt umsetzen. Ich habe mich tief hineingearbeitet, viel Zeit investiert, Details geprüft – und gemerkt, wie mich das innerlich immer stärker blockiert hat.
Heute sehe ich das klarer. Wer Verantwortung ernst nimmt, bleibt besonders leicht in Strukturen hängen, die ursprünglich helfen sollen, irgendwann aber mehr Energie kosten als Nutzen bringen.
Wenn selbst gute Impulse im Alltag verpuffen
Weiterentwicklung scheitert selten an fehlender Motivation.
Ich erlebe immer wieder, dass Seminare gebucht, Gespräche vereinbart oder neue Ideen begeistert aufgenommen werden. Und trotzdem passiert anschließend weniger als geplant.
Nicht weil das Interesse fehlt. Sondern weil der Alltag dazwischenkommt.
Ich kenne das auch von mir selbst. Wenn mich ein Thema wirklich packt, beschäftige ich mich intensiv damit. Dann bekommt es meine volle Aufmerksamkeit. Gleichzeitig geraten andere wichtige Themen ins Hintertreffen.
Genau deshalb überlege ich heute viel genauer, worauf ich mich einlasse. Nicht jedes Seminar, nicht jedes Tool und nicht jede neue Idee muss sofort umgesetzt werden.
Manchmal ist es sinnvoller, ein wichtiges Thema sauber abzuschließen, bevor das nächste dazukommt.
Warum volle Tage jede konzentrierte Arbeitsphase zerstückeln
Ein typischer Tag im Geschäft ist selten planbar.
Ein Kunde kommt ohne Termin herein – es kann fünf Minuten dauern oder über eine Stunde. Eine Mitarbeiterin hat eine Entscheidungsfrage. In der Werkstatt geht eine Brille kaputt. Ein technisches Gerät streikt. Zwei Modelle einer Lieferung fehlen, obwohl sie bereits verkauft sind.
Parallel laufen ganz andere Themen mit: Dienstplan-Konflikte im Team, Krankenkassen-Präqualifizierung, Reklamationen bei Arbeitsplatzgläsern, die Entscheidung über ein neues Screening-System, der seit Wochen ruhende Instagram-Account oder eine Kündigung kurz vor der Urlaubssaison.
Die allermeisten unabhängigen Optiker stecken daher permanent in mehreren Rollen gleichzeitig. Sie beraten Kunden, führen ein Team, treffen Einkaufsentscheidungen, organisieren Abläufe und tragen die wirtschaftliche Verantwortung für das Unternehmen.
Jede einzelne Aufgabe ist für sich genommen lösbar.
Die Herausforderung entsteht durch die ständigen Wechsel. Kaum bist du gedanklich in einem Thema angekommen, verlangt das nächste Aufmerksamkeit.
Für größere Entscheidungen bleiben dann oft nur die Lücken dazwischen. Und genau dort entstehen selten die besten Lösungen.
Daueranspannung sieht oft aus wie Verantwortungsgefühl
Von außen sieht sie aus wie Verantwortungsgefühl. Und genau deshalb bleibt sie häufig lange unbemerkt.
„Ich mache das schnell selbst.“ 💪
Das ist einer dieser Sätze, die im Alltag völlig vernünftig klingen. Es geht schneller. Man muss nichts erklären. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Ergebnis den eigenen Ansprüchen entspricht.
Gerade Menschen, die ihr Geschäft mit viel Sorgfalt aufgebaut haben, denken so.
Sie übernehmen Verantwortung. Sie achten auf Qualität. Sie kümmern sich. Und genau das macht den Übergang so unscheinbar.
Aus einer schnellen Ausnahme wird eine Gewohnheit. Immer mehr Entscheidungen landen auf dem eigenen Schreibtisch. Immer mehr Fragen werden nach oben delegiert. Immer mehr Abläufe hängen am Wissen einer einzigen Person.
Das passiert selten bewusst. Es entwickelt sich über Jahre. Irgendwann entsteht ein Unternehmen, das zwar funktioniert – aber nur, solange du ständig präsent bist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie du noch mehr schaffen kannst.
Sondern welche Aufgaben wirklich bei dir bleiben müssen – und welche nur deshalb bei dir liegen, weil es sich über die Jahre so eingespielt hat.
Was passiert, wenn Reflexion immer nur zwischen zwei Terminen stattfindet
Ideen hast du wahrscheinlich genug. Die Frage ist eher, ob sie genügend Raum bekommen, um zu Entscheidungen zu werden.
Viele strategische Gedanken entstehen zwischen zwei Kundenterminen, auf dem Weg zur Arbeit oder spät am Abend, wenn endlich Ruhe einkehrt. Oft sind es gute Gedanken. Du notierst sie, verschiebst sie oder nimmst dir vor, dich später darum zu kümmern.
Doch zwischen Idee und Umsetzung liegt der Alltag.
So sammeln sich Themen an, die eigentlich wichtig wären: die Weiterentwicklung deines Unternehmens, neue Angebote, bessere Abläufe oder Entscheidungen über die zukünftige Ausrichtung.
Von außen fällt das oft kaum auf. Das Geschäft läuft. Kunden werden beraten. Probleme werden gelöst. Trotzdem entsteht irgendwann leicht das Gefühl, mehr zu reagieren als zu gestalten.
Nicht weil dir die Ideen fehlen. Sondern weil sie selten die Zeit bekommen, in Ruhe zu Ende gedacht zu werden.
Denn je klarer du weißt, was nicht zu deinem Geschäft gehört, desto leichter wird sichtbar, was dazugehört.
7 Fragen, die zeigen, wo deine Energie wirklich versickert
Oft merkst du erst durch klare Fragen, wo dein Unternehmen dir täglich Kraft entzieht.
Nimm dir einen Moment und beantworte diese Fragen ehrlich – nicht strategisch, sondern realistisch:
Manche Antworten sind offensichtlich. Andere tun kurz weh. Genau dort lohnt sich der zweite Blick.
Woran du erkennst, dass dein Unternehmen zu stark von deiner Anspannung lebt
Vielleicht hast du beim Beantworten der Fragen bereits gemerkt, dass manche Antworten immer wieder in dieselbe Richtung zeigen.
Viele Unternehmer haben nicht das Gefühl, zu wenig zu arbeiten. Eher im Gegenteil.
Sie investieren viel Zeit, treffen unzählige Entscheidungen und kümmern sich um alles, was im Geschäft auftaucht. Trotzdem bleibt oft der Eindruck, wichtigen Themen ständig hinterherzulaufen.
Typische Hinweise sind, dass du erst nach Ladenschluss zum Nachdenken kommst. Dass Weiterbildungen auf deiner To-do-Liste stehen, aber nicht in deinem Kalender. Oder dass jede freie Stunde sofort wieder mit operativen Themen gefüllt wird.
Es kann ein Hinweis darauf sein, dass zu viele Abläufe von deiner ständigen Aufmerksamkeit abhängig geworden sind. Wollen wir mal gemeinsam einen genaueren Blick darauf werfen?
Welche Stellschrauben wieder mehr Steuerung möglich machen
Die gute Nachricht ist: Nicht alles muss gleichzeitig verändert werden. Wahrscheinlich reicht es, an einigen wenigen Stellen bewusst anzusetzen.
Manche Unternehmer gewinnen bereits spürbar Zeit zurück, wenn sie wiederkehrende Aufgaben sichtbar machen und konsequent bündeln. Oder du entwickelst eine Methode, Entscheidungen nicht über den ganzen Tag zu verteilen, sondern dafür feste Zeitfenster einzuplanen.
Manchmal liegt die größte Entlastung in einer einfachen Frage:
Welche Aufgaben müssen tatsächlich von mir erledigt werden – und welche habe ich nur nie bewusst hinterfragt?
Auch klarere Abläufe können helfen. Nicht, weil dadurch plötzlich alles perfekt läuft. Sondern weil weniger Energie für dieselben Entscheidungen verloren geht.
Aus meiner Erfahrung entsteht Entlastung selten durch eine einzelne große Maßnahme.
Meist sind es mehrere kleinere Veränderungen, die zusammen dafür sorgen, dass wieder mehr Zeit und Aufmerksamkeit für die wichtigen Themen übrig bleiben.
Fazit: Dauerstress darf kein Geschäftsmodell sein
Soll es dabei bleiben, dass dein Unternehmen nur noch funktioniert, wenn du permanent unter Strom stehst?
Wenn ich heute auf meine letzten Jahre im Geschäft zurückblicke, beantworte ich diese Frage anders als früher.
Lange habe ich Anspannung als etwas betrachtet, das eben dazugehört. Zu Verantwortung, zum Unternehmertum an sich und zu einem sehr hohen Anspruch an die eigene Arbeit.
Heute sehe ich differenzierter darauf.
Denn dauerhafte Anspannung kostet dich nicht nur Kraft. Sie nimmt dir oft auch genau den Raum, den du eigentlich für gute Entscheidungen, neue Ideen und die Weiterentwicklung des Unternehmens bräuchtest.
Wenn es nicht mehr reicht, noch effizienter zu werden oder sich noch besser zu organisieren ist es wahrscheinlich an der Zeit, Ballast abzuwerfen und Strukturen und traditionelle Denkweisen zu hinterfragen.
Ist mein Unternehmen, so wie es seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten oder sogar seit Generation läuft, auch noch für die nächsten Jahre gut aufgestellt?
Ist ein klassischer Augenoptik-Generalist, der von Jahr zu Jahr mehr Administration benötigt und immer mehr Themen abdecken muss, noch zeitgemäß? Oder wäre es nicht sinnvoller, sich konsequent auf bestimmte Themen innerhalb der Branche zu konzentrieren und dort so richtig gut zu werden?
Deutlich besser oder auch ganz anders als die Kollegen drumherum, so dass es viele Menschen mitbekommen und genau deswegen zu dir kommen?
Und der positive Nebeneffekt: Diese innere Neuausrichtung bringt dich auch dazu, dich selbst und dein Team neu aufzustellen – und deine individuellen Ursachen von Dauerstress bewusst zu reduzieren.
Nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt. Vielleicht beginnt dieser Prozess ja bei dir heute mit der ehrlichen Frage, ob die eigene Anspannung inzwischen ein fester Bestandteil des Geschäftsmodells geworden ist.

Karin Stehr ist strategische Beraterin für Positionierung in der Augenoptik und Expertin für Independent Eyewear.
Sie führte 33 Jahre lang ein eigenes Optikgeschäft, davon 17 Jahre ausschließlich mit Independent Brands. Heute berät sie unabhängige Optiker, sich durch ein unverwechselbares Konzept und die passende Brillenkollektion vom Mainstream abzuheben.
Sie ist Autorin einer mehrteiligen Fachartikelserie in der eyebizz, Speakerin auf Branchenevents und mit ihrer strategischen und gleichzeitig menschlich zugewandten Beratungsmethode einzigartig in der Augenoptik-Branche.
Sie bringt Struktur in Entscheidungen, die oft zu lange offen bleiben.
Mehr zu Karin Stehr
