Die Branchenkonjunktur erklärt viel. Deine Firmenkonjunktur schaffst du selbst.
Eine Einkaufsstraße in Hamburg erzählt eine ganze Branchengeschichte
Vor einigen Tagen haben mein Mann und ich versucht, uns an alle Augenoptiker zu erinnern, die es entlang der Wandsbeker Chaussee und der Wandsbeker Marktstraße in Hamburg einmal gegeben hat.
Dort haben wir 1989 unser erstes Geschäft eröffnet und über viele Jahre erlebt, wie sich diese Einkaufsstraße verändert hat.
Es waren viele Namen, an die wir uns erinnern konnten, doch wie sieht es heute aus?
Fast alle diese inhabergeführten Geschäfte von damals (in den 1980er Jahren gab es mindestens 8) existieren heute nicht mehr. Einige wurden verkauft, manche fanden keine Nachfolge und verschwanden sang- und klanglos.
Neu gekommen und geblieben sind vor allem die großen Filialisten – und ein letzter großer, traditioneller unabhängiger Optiker.
Das ist nur eine Straße in Hamburg. Aber ich glaube nicht, dass sie ein Einzelfall ist. Viele von euch werden ähnliche Entwicklungen aus ihrer eigenen Stadt kennen.
Die ERFA-Zahlen bestätigen den Druck
Nur wenige Tage nach unserem Experiment wurden die aktuellen ERFA-Zahlen veröffentlicht. Deutlich rückläufige Stückzahlen, sinkende Umsätze gegenüber dem Vorjahr – insgesamt keine Nachrichten, die Mut machen.
Sie zeigen, wo die Branche steht. Was sie nicht erklären: warum sich einzelne Geschäfte unter denselben Bedingungen so unterschiedlich entwickeln.

Warum manche Geschäfte trotzdem wachsen
In den 1990er Jahren sagte der Leiter meiner damaligen ERFA-Gruppe einmal einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe:
„Es gibt keine Branchenkonjunktur. Es gibt nur Firmenkonjunkturen.“
Damals fand ich das gewagt. Inzwischen würde ich eine Kleinigkeit ergänzen: Branchenkonjunkturen gibt es, und sie erklären vieles. Nur nicht, warum manche Geschäfte dennoch unter denselben Bedingungen wachsen, neue Kunden gewinnen und sich erfolgreich weiterentwickeln.
Diese Unterschiede entstehen im Unternehmen – durch viele kleine und große Entscheidungen.
„Seiner Zeit voraus“ – Fluch oder Segen?
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg zurückblicke, fallen mir einige Entscheidungen ein, die damals nicht unbedingt selbstverständlich waren.
1989 habe ich mit meinem Mann genau dort, in Hamburg Wandsbek, ein Optikgeschäft neu gegründet, das laut und deutlich verkündete: „Die Brille macht Karriere“.
In dieser Zeit gab es nur sehr wenige Kollektionen, mit denen man diesen Anspruch erfüllen konnte. Genau die haben wir gesucht und gefunden und haben uns 27 Jahre lang erfolgreich den wandelnden Verhältnissen an unserem Standort angepasst.

2005 dann die Gründung meines zweiten Unternehmens mitten in der City. Dort ausschließlich unabhängige Marken zu führen, die Kollektion konsequent zu kuratieren und sich sehr klar zu positionieren, erschien vielen eher ungewöhnlich als sinnvoll.
Ob das „seiner Zeit voraus“ war – ich weiß es bis heute nicht. Und ich glaube, es ist die falsche Frage.
Entscheidend ist, ob ein Unternehmen bereit ist, Entwicklungen früh genug zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Genau das unterscheidet häufig diejenigen, die den Veränderungen hinterherlaufen, von denen, die ihren eigenen Weg finden.

Gründung #2 im Jahr 2005 – BELLEVUE in der Hamburger City
Was heute über die Zukunft unabhängiger Optiker entscheidet
Die Branchenkonjunktur können wir nicht beeinflussen. Aber ich bin überzeugt, dass jede Unternehmerin, jeder Unternehmer seine eigene Firmenkonjunktur gestalten kann – nicht vollständig, nicht unabhängig vom Markt. Aber viel stärker, als die meisten glauben.
Darin liegt der wichtigste Unterschied zwischen den Geschäften, die in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind, und ganz überwiegend Filialisten, die dazugekommen sind und heute erfolgreich ihren Platz behaupten.
Auch in den vergangenen 40 Jahren hatten strategisch gut positionierte Optiker den größten Erfolg und konnten sich am besten halten.
Heute, wo die Konkurrenzsituation eine ganz andere Dimension hat und die Sichtbarkeit das erste und entscheidende Kriterium ist, ist eine klare Identität schon kurz- bis mittelfristig überlebenswichtig.
Die Branchenkonjunktur kann viel erzählen. Deine Firmenkonjunktur schaffst du selbst.

Karin Stehr ist strategische Beraterin für Positionierung in der Augenoptik und Expertin für Independent Eyewear.
Sie führte 33 Jahre lang ein eigenes Optikgeschäft, davon 17 Jahre ausschließlich mit Independent Brands. Heute berät sie unabhängige Optiker, sich durch ein unverwechselbares Konzept und die passende Brillenkollektion vom Mainstream abzuheben.
Sie ist Autorin einer mehrteiligen Fachartikelserie in der eyebizz, Speakerin auf Branchenevents und mit ihrer strategischen und gleichzeitig menschlich zugewandten Beratungsmethode einzigartig in der Augenoptik-Branche.
Sie bringt Struktur in Entscheidungen, die oft zu lange offen bleiben.
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