Nicht für alle da – warum deine Positionierung mit deiner Kollektion beginnt
„Wir wollen für jeden etwas haben.“
Ein Satz, der in vielen Optikgeschäften zu den klaren Aussagen gehört, auf die sich alle einigen können. Klingt ja erst einmal auch vernünftig und kundenorientiert.
Niemand soll das Gefühl haben, nicht willkommen zu sein. Und niemand soll den Laden verlassen, nur weil eine bestimmte Form, eine Farbe, eine Stilrichtung oder eine Preislage fehlt.
Ein guter Gedanke also, oder? Aber was passiert, wenn dieser Satz den Einkauf bestimmt?
Dann wird immer wieder spontan ergänzt. Noch eine Stilwelt, noch eine Preislage. Und gern auch noch eine weitere Marke, falls jemand genau danach fragt. Noch etwas Sicheres, noch etwas Modisches, noch etwas, das „eigentlich ganz gut passen könnte“.
So kann deine Kollektion nicht zeigen, wofür Dein Geschäft steht. Sie zeigt eher, welchen Entscheidungen du bisher ausgewichen bist.
„Wir wollen für jeden etwas haben“
Dieser Satz ist kundenfreundlich gemeint. Er ist nachvollziehbar. Aber wirklich kundenfreundlich ist er nicht. Denn Kunden sind so verschieden, dass kein Optiker der Welt für alle gleich überzeugend sein kann.
„Für jeden etwas“ bedeutet für dich wahrscheinlich, dass du deinen Kundinnen und Kunden möglichst viele Türen offenhalten möchtest.
Es kann aber genauso gut bedeuten, dass du aus lauter Vorsicht die Entscheidung vor dir herschiebst, welcher Optiker du wirklich sein möchtest.
Wie ist eigentlich die Überzeugung entstanden, dass eine so breite Kollektion das sinnvollste Angebot ist?
Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob du für jeden etwas hast. Vielleicht ist die viel wichtigere Frage, ob die richtigen Menschen schnell erkennen, warum sie bei dir richtig sind.
Denn Menschen suchen nicht immer die größtmögliche Auswahl. Oft suchen sie Orientierung. Sie suchen jemanden, der verstanden hat, was zu ihnen passt. Sie suchen ein Geschäft, das nicht einfach alles zeigt, sondern erkennbar etwas auswählt.
Und das ist ein großer Unterschied.
Dein Marketing kann viel behaupten
Aber deine Kollektion verrät, ob es stimmt.
Nicht, weil Marketing unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil. Aber Kundinnen und Kunden spüren sehr schnell, ob eine Behauptung in der Beratung Bestand hat.
Wenn du von eigenständigem Stil sprichst, deine Brillenmarken aber austauschbar sind, entsteht ein – vielleicht nur unbewusstes – Störgefühl.
Wenn du von sorgfältiger Auswahl sprichst, aber alles führst, was irgendwie noch mitlaufen könnte, gilt das genauso.
Und wenn du von unabhängiger Optik sprichst, aber hauptsächlich weit verbreitete Lizenzmarken zu sehen sind, dann entsteht eine Spannung. Vielleicht kann dein Kunde gar genau benennen, was ihn stört. Aber er spürt, dass etwas nicht zusammenpasst.
Eine starke, bewusst zusammengestellte Kollektion muss nicht erklären, wie sie ausgewählt wurde. Man sieht es ihr an.
Und so funktioniert Positionierung durch die Auswahl deiner Brillenkollektion: nicht durch das, was du über dein Geschäft sagst, sondern durch das, was du zeigst. Und vor allem durch das, was du weglässt.
Denn am Ende erzählt deine Kollektion immer eine Geschichte. Die Frage ist nur, ob es deine Geschichte ist – oder das Ergebnis aus vielen kleinen Einzelentscheidungen, um niemanden auszuschließen.
Und ja, es gibt noch viele andere Bereiche, die für die Positionierung wichtig sind. Darüber werde ich ein anderes Mal schreiben.
Die wichtigste Frage im Einkauf
Die wichtigste Frage im Einkauf ist nicht: Was könnten wir noch ergänzen?
Diese Frage ist einfach zu verführerisch, weil sich fast immer etwas finden lässt. Noch eine etwas andere Form, eine neutralere Farbe. Noch eine andere Preislage, noch eine beliebte Marke, die „eigentlich ganz gut passen könnte“.
Doch „könnte passen“ ist keine Strategie.
Die wichtigste Frage lautet daher: Welche Brillen kaufen wir bewusst nicht ein?
Nicht, weil sie schlecht sind oder weil sie niemandem stehen. Und auch nicht, weil es keinen Markt dafür gäbe. Sondern weil sie nicht geeignet sind, dein Profil zu stärken.
Der Unterschied zwischen Einkauf und Auswahl:
Einkauf füllt Lücken. Auswahl setzt Grenzen.
Und diese Grenzen engen dich nicht ein – sie sorgen dafür, dass du gute Entscheidungen triffst. Sie sind hilfreich für Dich, dein Team und vor allem für die Kundinnen und Kunden, die sich zukünftig in deinem Geschäft gesehen fühlen werden.
Wie stark eine klare Kollektion auch die Beratung im Team verändert, habe ich in diesem Artikel beschrieben: „Deine Brillenkollektion entscheidet mit, wie klar dein Team beraten kann“
Denn je klarer du weißt, was nicht zu deinem Geschäft gehört, desto leichter wird sichtbar, was dazugehört.
Wie aus Auswahl Beliebigkeit wird
Beliebigkeit entsteht selten durch eine große, falsche Entscheidung. Sie entsteht durch viele kleine Ergänzungen, die einzeln betrachtet absolut vernünftig wirken.
Etwas Sicheres. Etwas Modisches. Etwas Preiswertes. Etwas für die älteren Kunden, etwas für die jungen. Etwas für „falls jemand fragt“. Etwas, das der Vertreter überzeugend fand. Etwas, das man schon immer hatte.
Und dann ist das Sortiment nicht mehr kuratiert, sondern zusammengesammelt.
Wer alles ein bisschen zeigt, hat es schwer, bei einem konkreten Stilwunsch wirklich in die Tiefe zu gehen. Dann findet sich vielleicht noch eine Brille, die einigermaßen passt.
Nur entsteht echte Begeisterung selten dort, wo „einigermaßen“ der erste Begriff ist, der einem einfällt.
Sie entsteht, wenn ein Mensch in seiner Stilwelt eine wirkliche Auswahl erlebt. Keine zufällige Option und auch nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner. Sondern eine Auswahl, die er in dieser Tiefe im näheren Umfeld sonst nicht findet.
Und genau das ist der Punkt. Eine starke Kollektion muss nicht riesig sein. Aber für die richtigen Kunden fühlt sie sich genau so an — weil sie dort endlich Auswahl für ihren individuellen Stil erleben. Das bleibt in Erinnerung.
Auswahl ist keine Einschränkung
Und nicht für alle da zu sein heißt nicht, Menschen abzuweisen.
Natürlich begrüßt du weiterhin alle Menschen, die dein Geschäft betreten. So zugewandt, freundlich und professionell wie es schon immer bei dir üblich war. Aber du entscheidest bewusster, wen du mit deiner Außenwirkung einlädst.
Durch dein Schaufenster und deine Website. Aber eben auch durch deine Kollektion und die Marken, die du führst.
Auch langjährige Kundinnen und Kunden, die nicht zu deiner expliziten Zielgruppe gehören, können weiterhin bei dir fündig werden. Vielleicht nicht mehr in jeder denkbaren Richtung. Vielleicht nicht mehr mit der gleichen Breite wie früher.
Einmal mit Entschlossenheit gestartet, fühlt es sich richtig gut an: Du richtest dein Geschäft nicht länger nach der Angst aus, jemanden zu verlieren. Sondern nach der Frage, wen du künftig stärker erreichen willst.
Und das funktioniert, weil du nicht alle gleich stark ansprechen willst.
Denn eine Kollektion, die wirklich Profil zeigen soll, braucht eine Richtung. Sonst bleibt sie freundlich, ordentlich, gut gemeint – und doch beliebig.
Eine klare Kollektion macht deine Marken stärker
Eine klare Kollektion macht jede einzelne ausgewählte Marke stärker. Nicht nur, weil diese Marke gut gestaltet ist. Und auch nicht in erster Linie, weil sie unabhängig ist.
Die Wirkung entsteht in dem Zusammenhang, in dem du sie präsentierst. Weil sie gemeinsam mit anderen Brands eine Stilwelt repräsentiert. Eine Richtung, eine Entscheidung … deine Entscheidung.
Eine Independent Brand, die nur deshalb im Geschäft hängt, weil man ja „auch ein paar von diesen tollen unabhängigen Designermarken“ zeigen möchte, bleibt unter ihren Möglichkeiten.
Dann ist sie nicht Haltung, sondern Dekoration.
In einer klaren Kollektion dagegen wird sie Teil deiner Positionierung. Denn sie steht nicht allein. Sie wird getragen von Farben, Formen, Materialien, Stilwelten und Wiederholungen, die zusammen Sinn ergeben.
Denn woraus schließt ein Kunde, dass diese Marke zu deinem Geschäft gehört? Aus dem einzelnen Modell? Oder nicht viel mehr aus dem Umfeld, in dem es gezeigt wird?
Eine klare Kollektion macht Marken verständlicher und zugänglicher. Sie zeigt, warum genau diese Marke hier ist. Und warum andere nicht.
Wenn du diesen Gedanken vertiefen möchtest: In „Welche Brillenmarke passt zum Konzept meines Optiker-Geschäfts?“ geht es genau darum, wie Markenauswahl und Geschäftskonzept zusammenpassen.
Gerade für Independent Brands ist das entscheidend. Sie entfalten ihre Kraft nicht dadurch, dass sie irgendwo zwischen vielen anderen Möglichkeiten auftauchen. Sie entfalten ihre Kraft, wenn sie in einem Umfeld gezeigt werden, das ihre Idee trägt, verstärkt und für Kundinnen und Kunden lesbar macht.
Woran erkennt man deine Entscheidung?
Am Ende ist die Frage nicht, ob deine Kollektion groß genug ist. Die Frage ist, ob man ihr ansieht, dass alle Brillenmarken zusammen eine Geschichte erzählen, die von deinen Wunschkunden verstanden wird.
Eine starke Kollektion versucht nicht, jede Möglichkeit offenzuhalten. Sie zeigt, was du ausgewählt hast. Und sie zeigt auch, was du nicht ausgewählt hast.
So entwickelt sich Schritt für Schritt dein Profil. Einfach durch klares und konsequentes Entscheiden – eine Kompetenz, die für Unternehmerinnen und Unternehmer heute grundsätzlich wichtiger ist denn je.

Karin Stehr ist strategische Beraterin für Positionierung in der Augenoptik und Expertin für Independent Eyewear.
Sie führte 33 Jahre lang ein eigenes Optikgeschäft, davon 17 Jahre ausschließlich mit Independent Brands. Heute berät sie unabhängige Optiker, sich durch ein unverwechselbares Konzept und die passende Brillenkollektion vom Mainstream abzuheben.
Sie ist Autorin einer mehrteiligen Fachartikelserie in der eyebizz, Speakerin auf Branchenevents und mit ihrer strategischen und gleichzeitig menschlich zugewandten Beratungsmethode einzigartig in der Augenoptik-Branche.
Sie bringt Struktur in Entscheidungen, die oft zu lange offen bleiben.
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