Karin Stehr vor den Messehallen der SILMO Paris mit zahlreichen Besuchern und Messeständen im Hintergrund.

Wo du suchst, entscheidet mit darüber, was du findest.


Ich mag diese Wochen nach dem Sommer.

Das Jahr ist längst nicht vorbei – und trotzdem fühlt sich der September für mich immer ein bisschen nach Neustart an. Vor uns liegt noch mehr als ein komplettes Quartal und gleichzeitig beginnt schon die Zeit, in der erste Ideen für das nächste Jahr entstehen.

Für mich gehört die SILMO in Paris unbedingt zu dieser Phase des Jahres. 

Ich fahre ja inzwischen nicht mehr hin, um für ein eigenes Geschäft einzukaufen. Ich fahre dorthin, weil mich dort Neues erwartet, ich Menschen treffe und Gespräche führe, die mir in meinem normalen Umfeld nicht begegnen.

Und meistens komme ich mit mehr zurück als mit dem, wonach ich gesucht habe.

Plakat mit dem Text: Wo du suchst, entscheidet mit darüber, was du findest.

Woher kommen eigentlich die Ideen für dein Geschäft?

Du hörst immer wieder von mir, wie wichtig ein klares Profil für unabhängige Optiker ist. Die Ideen dafür können und müssen gar nicht immer aus dir selbst kommen. 

Aber du kannst dich immer wieder ganz bewusst in Situationen und Umgebungen begeben, in denen du fast zwangsläufig auf neue Ideen stößt.

Wenn wir uns immer auf denselben Messen bewegen, dieselben Lieferanten treffen, dieselben Kollegen beobachten und denselben Accounts folgen, entsteht zwangsläufig ein bestimmtes Bild unserer Branche.

Daran ist zunächst nichts falsch – aber es ist eben nur ein Ausschnitt. Und dieser Ausschnitt verändert sich oft über viele Jahre auch nur sehr wenig.

Wenn du dagegen deinen eigenen Radius erweiterst, erweiterst du nicht automatisch deine Kollektion – aber fast immer deinen Horizont. Und daraus ergeben sich von selbst neue Möglichkeiten.

Wann hast du deine Branche zuletzt außerhalb Deutschlands betrachtet?

Mich interessiert sehr, wie unterschiedlich unabhängige Augenoptik aussehen kann.

Wie präsentieren skandinavische Optiker ihre Geschäfte? Welche Haltung zu Design findet man in Italien? Welche Marken entstehen gerade in Japan? Welche Themen beschäftigen internationale Händler und Designer? Welche Rolle werden Smart Glasses, KI oder neue Retailkonzepte künftig spielen?

Nicht jede Idee davon passt nach Deutschland, und genau das ist auch gar nicht der Punkt.

Spannend ist vielmehr zu sehen, wie viele unterschiedliche Antworten es auf dieselbe Frage geben kann: Wie kann unabhängige Augenoptik heute und morgen aussehen?

Wer nur das eigene Umfeld kennt, hält manches schnell für alternativlos, was eigentlich nur vertraut ist.

Es geht längst nicht nur um neue Brillen

Auf einer Messe wie der SILMO schaue ich natürlich auf Fassungen und Marken. Aber mindestens genauso sehr auf alles drumherum.

  • Wie erzählen junge Marken ihre Geschichte?
  • Welche Themen tauchen plötzlich an ganz unterschiedlichen Stellen auf?
  • Wie verändert Technologie unsere Branche?
  • Was beschäftigt internationale Optiker?
  • Welche neuen Geschäftsmodelle entstehen?

Ich suche nicht unbedingt nach der einen ultimativen neuen Marke. Schön, wenn ich sie entdecke. Oder sogar zwei davon.

Viel wichtiger aber sind mir die unterschwelligen Eindrücke, der Austausch mit Kollegen, die andere Antennen haben als ich und so auch meine Wahrnehmung beeinflussen.  

Inspiration bedeutet nicht, alles Neue zu spannend zu finden.

Auf den ersten Blick mag es immer schwieriger werden, aus dem Überfluss von Eindrücken einer Messe die wirklich wichtigen Elemente für sich selbst herauszufiltern. Doch Trends zu kennen, heißt nicht, ihnen hinterherzulaufen. Im Gegenteil.

Je klarer die eigene Positionierung ist, desto leichter wird es, Neues einzuordnen. Man kann etwas spannend finden und trotzdem entscheiden: Das passt nicht zu mir. Man kann eine Idee mitnehmen, ohne sie zu kopieren. Und man kann eine Entwicklung früh wahrnehmen, ohne ihr sofort folgen zu müssen.

Mit einem klaren Profil wird aus der Fülle an Eindrücken keine Überforderung. Du erkennst viel schnelle, was für deine eigene Entwicklung interessant werden könnte – und was du für dich getrost ignorieren kannst.

Die SILMO ist für mich Pflicht und Kür zugleich.

Ich mag die SILMO, weil sie meinen Blick jedes Jahr ein Stück aus dem gewohnten Radius herauszieht.

Natürlich gibt es dort viel Independent Eyewear zu entdecken. Aber ebenso neue Technologien, Trends, junge Unternehmen, andere Formen der Präsentation – und vor allem Menschen aus sehr unterschiedlichen Märkten.

Man kann so eine Messe komplett mit Terminen füllen und am Ende sehr effizient alles gesehen haben, was ohnehin auf der Liste stand. Oder man lässt bewusst etwas Platz für das, was noch nicht auf dieser Liste stehen konnte.

Ich bevorzuge inzwischen eindeutig die zweite Variante.

2027 beginnt nicht im Januar.

Für mich ist der Herbst deshalb weniger der Endspurt eines Jahres als der Anfang des nächsten. Manche Ideen brauchen Zeit, bis klar wird, ob sie zum eigenen Konzept passen.

Eine interessante Marke muss sich in die eigene Kollektion einfügen und die meisten Veränderungen im Geschäft brauchen Vorbereitung. Jetzt hast du noch einige Wochen Zeit bis zum Jahreswechsel, um zu entscheiden, was du umsetzen möchtest.

Ende September ist also ein ziemlich guter Zeitpunkt, um den Kopf wieder auf Empfang zu stellen. Und statt hektisch noch irgendetwas für das laufende Jahr abzuhaken, richte ich den Blick jetzt lieber schon auf das nächste.

Was möchte ich 2027 vielleicht anders machen als bisher?


Ich werde auch dieses Jahr wieder durch die SILMO laufen, sehr viele Menschen treffen und wahrscheinlich längst nicht alles sehen, was ich mir vorgenommen habe.

Das macht nichts. Ich fahre nicht nach Paris, um anschließend behaupten zu können, ich hätte die Messe abgearbeitet.

Ich freue mich jedoch schon jetzt auf diese Zeit, weil ich ziemlich sicher bin, dass mir dort Gedanken begegnen werden, die ich vorher noch nicht hatte.

Wenn du Ende September ebenfalls in Paris bist, schreib mir gern. Vielleicht trinken wir einen Kaffee zusammen – oder drehen einfach eine Runde durch die Messe.

Karin Stehr ist strategische Beraterin für Positionierung in der Augenoptik und Expertin für Independent Eyewear.

Sie führte 33 Jahre lang ein eigenes Optikgeschäft, davon 17 Jahre ausschließlich mit Independent Brands. Heute berät sie unabhängige Optiker, sich durch ein unverwechselbares Konzept und die passende Brillenkollektion vom Mainstream abzuheben.

Sie ist Autorin einer mehrteiligen Fachartikelserie in der eyebizz, Speakerin auf Branchenevents und mit ihrer strategischen und gleichzeitig menschlich zugewandten Beratungsmethode einzigartig in der Augenoptik-Branche.

Sie bringt Struktur in Entscheidungen, die oft zu lange offen bleiben.

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